Mysterien

Mysterien

Mysterien (v. gr.), 1) Geheimnisse, Dinge, deren Dasein zwar bekannt, aber von denen die Art u. Weise des Daseins unbekannt ist od. gar nicht erklärt werden kann, z.B. die Verbindung zwischen Leib u. Seele; 2) Geheimculte, eine besondere Art gottes dienstlicher Gebräuche, denen bei den Griechen theils objectiv das Geheimnißvolle u. Verborgene in den rituellen Gebräuchen (Mysteria), theils subjectiv eine besondere enthusiastische Gemüthsstimmung (Orgia) u. daraus folgende religiöse Erbauung (Telete) charakteristisch war. Die M. hatten ihrebesonderen Mythen (Hieroi Logoi), welche sich um die Geschichte der in ihnen gefeierten Gottheit, bes. um deren Geburt, Leiden u. Tod, drehten u. welche bei der Feier der M. durch symbolische u. allegorische Handlungen, auf mimisch dramatische Weise, unter Ausrufungen, Gesängen, Tänzen u. Vorzeigung gewisser Wahrzeichen der göttlichen Gegenwart (Symbole, Aporrheta) vorgestellt wurden. Auch Handlungen, wie bei öffentlichen Culten, z.B. Reinigungen, Sühnungen, Büßungen, Opfer, Processionen etc. kamen bei den M. vor, unterschieden sich aber von jenen dadurch, daß sie mit orgiastischer Gemüthsstimmung u. meist bei Nacht unter Fackelschein u. betäubender Musik vorgenommen wurden. Da die M. den Gegensatz zu den öffentlich recipirten Landesculten bildeten, so stand die Theilnahme an denselben nur gewissen auserwählten Personen zu, welche einen geschlossenen Kreis bildeten. Die Aufnahme in dieselben erfolgte mittelst feierlicher Weihe durch verschiedene Grade. Dieselbe begann mit einer Reinigung, dieser folgte eine Vorweihe (Myēsis, d.i. Verschließung, entweder der Augen für die sinnliche körperliche Welt, um sie für die geistige zu eröffnen, od. des Mundes zum Gelübde der Verschwiegenheit) u. dieser zuletzt die Vollendung (Epopteia, volle Anschauung, nämlich des Heiligen). Diejenigen, welche die Vorweihe erhalten hatten, hießen Mystai, die völlig Anschauenden aber Epoptai. In manchen M. konnten alle Leute ohne Unterschied des Standes, Alters u. Geschlechts aufgenommen werden; bei andern blos Frauen; andere waren für eng geschlossene Vereine. Allenthalben war den Eingeweihten tiefes Stillschweigen zu heiliger Pflicht gemacht, damit das Geheimnißvolle u. Heilige der Feier nicht durch Hinaustragen in das gewöhnliche Leben profanirt würde. Der Anfang der M. gehört in Griechenland in die pelasgische Zeit; die Gottheiten der Pelasger waren Naturmächte, bes. die Chthonischen Götterwesen, die nur in ihrer Wirksamkeit erkennbar u. empfindbar, aber persönlich nicht vorstellbar waren (vgl. Mystik). In der homerischen Zeit begannen die Griechen ihre Götter zu vermenschlichen, ihnen Gestalt zu geben u. sie plastisch darzustellen. Während dieser Zeit zog sich der alte Cultus zurück u. wurde zum Geheimdienst. Als nachmals der populäre Polytheismus u. der gemeine Gottesdienst edlere Geister nicht mehr befriedigte u. orientalischer Einfluß sich geltend machte, wendeten sich diese dem alten zurückgedrängten Geheimdienste der Naturgötter wieder zu, in deren Vorstellungen vom Wachsen, Blühen u. Welken der Pflanzen, vom Leben u. Sterben in der Natur die Ideen des Wechsels in Geburt, Leben u. Tod des Menschen, sowie der Unsterblichkeit u. der Vergeltung nach dem Tode angedeutet gefunden wurden. Die Wiedereinführung der alten Geheimculte geschah bes. durch die Secte der Orphiker (s.d.) um 600 v. Chr., welche ihre dem Orient entnommene theologische Speculation auf jene übertrug u. so einheimische mit fremden Culten vermischte. Einheimisch waren die M. der Demeter, zu welchen die berühmtesten griechischen M., die Eleusinischen (s.d.), gehörten; ferner die Samothrakischen M. (s.d.) der Kabiren, in welche bes. die seefahrenden Griechen in Thracien u. Asien sich einweihen ließen, u. die M. des kretischen Zeus der Kureten (s.d.), denen jedoch nachmals asiatische Elemente beigemischt waren, u. in denen die sich belebende Natur im Frühling u. die sterbende im Herbst in der Darstellung der Geburt u. des Todes des Zeus, nicht im Geheimen, sondern unter freiem Himmel mit orgiastischen Gebräuchen gefeiert wurden. Ausländisch waren die M. der Isis u. M. des Mithra (s.d.); ferner auch in Griechenland u. Rom eingeführt die M. des Dionysos (s. Dionysien) u. der Kybele (s.d.). Aus den Dionysosmysterien entwickelten sich nachher die Orphischen M. (s.d.), welche schon zur Zeit des Pisistratos in Athen Eingang gefunden u. Manches mit den Eleusinien gemein hatten. Die in dieselben Eingeweiheten, welche eine strenge Ascese übten u. gewisse ängstliche Ordensregeln beobachteten, bildeten enggeschlossene Corporationen u. übten bis in die spätesten Zeiten weithin einen wesentlichen Einfluß. Solche M. schlichen sich gewöhnlich in aufgeregten Zeiten in Griechenland u. Rom, dort bes. im Peloponnesischen Kriege, hier in der mittleren Kaiserzeit, Anfangs als separatistische Vereine ein, fanden aber nach u. nach eine so große Verbreitung, daß sie die öffentlichen Culte beeinträchtigten, ja ganz zu beseitigen drohten, daher[614] von den Staatsgewalten verfolgt wurden. In neuerer Zeit fand das Mysterienwesen in den Auswüchsen der Freimaurerei vielfach Nachahmung. Vgl. Jamblichos (s.d.) περὶ μυστηρίων, herausgegeben von Parthey, Berl. 1857; St. Croix, Récherches historiques et critiques sur les mystères du paganisme, Par. 1784, 2. A. verbessert von Sylv. de Sacy, ebd. 1817, 2 Bde., deutsch von Lenz, Gotha 1790; Lobeck, Aglaophamus, Königsb. 1829, 2 Bde.; 3) (Dogm.), s. Geheimnisse 1); 4) Gesänge, welche zur Zeitder Kreuzzüge von den Kreuzfahrern auf ihren Zügen gefungen wurden; sie sollen der erste Anfang zu den Oratorien gewesen sein; s. Oratorium; 5) (Mystères), eine Art geistlicher Schauspiele im Mittelalter, in welchen Scenen aus der Heiligen Geschichte, vorzugsweise der Passion, der Auferstehung u. der Wiederkehr Christi, dargestellt wurden. Anfangs wurden sie nur in den Kirchen von Geistlichen u. Chorknaben, später auch auf Straßen u. öffentlichen Plätzen von eigens dazu gebildeten Gesellschaften bes. zu Ostern u. Pfingsten aufgeführt. Historisch lassen sich die Spuren derselben bis ins 11. Jahrh. zurück verfolgen, u. schon 1210 erwähnt ein Decretal des Papstes Innocenz III. Schauspiele, welche in Kirchen von Priestern mit abscheulichen Masken (Monstra larvarum) gegeben wurden. Dieselben beschränkten sich in frühester Zeit ausschließlich auf Pantomimen, wie sie sich ähnlich noch jetzt in Italien finden; der Dialog kam erst später hinzu u. war Anfangs nur improvisirt. Erst vom 15. Jahrh. an läßt es sich nachweisen, daß der Text wirklich aufgezeichnet wurde u. zwar Anfangs, so lang als nur Priester spielten, lateinisch u. später erst, als Laien mit Theil nahmen, deutsch. Das früheste der auf uns gekommenen derartigen Schauspiele sind die Wunder der Sta. Katharina. Im 16. Jahrh. fand die Aufführung im Freien auf Wagen statt, welche von Ort zu Ort zogen. In England zerfielen die Geistlichen Schauspiele in Darstellungen der göttlichen Geheimnisse (Misteries), der Wunder der Heiligen (Miracles) u. moralischer lehrhafter Handlungen aus der Biblischen Geschichte (Moralities). In Frankreich gab seit 1380 die Confrérie, de la Passion in Paris Geistliche Schauspiele u. erhielt 1402 ein Privilegium. Überreste der M. sind die Bauernspiele (s.d.) u. die namentlich in neuester Zeit wieder berühmt gewordenen, aller 10 Jahre zur Aufführung kommenden Passionsspiele (s.d.) im Oberammergau in Oberbaiern. Sammlungen französischer M. sind: Jubinal, Mystéres inédits du XVme siècle, Par. 1837, u. Monmerqué u. Michel, Théâtre français du Moyen-Age, Par. 1839; deutscher M.: Mone, Deutsche Schauspiele des Mittelalters, Lpz. 1848; vgl. Taillandier, Notice sur les confrères de la Passion, Par. 1834; Leroy, Etudes sur les mystères, ebd. 1837; Magnin, Les origines du théâtre moderne, ebd. 1838; Wright, Early English mysteries, Lond. 1844; Devrient, Geschichte der deutschen Schauspielkunst, Lpz. 1848; Pichler, liber das Drama des Mittelalters in Tyrol, Innsbruck 1850; Devrient, Das Passionsspiel im Oberammergau, Lpz. 1851.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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